Anne Maria Möller-Leimkühler

Ein wesentlicher Faktor, der zur geringeren Lebenserwartung von Männern beiträgt, ist die hohe Suizidrate, die zwei- bis dreimal höher ist als die von Frauen.

Mann verzweifelt Suizide können nicht einfach auf eine Krise zurückgeführt werden, sondern sind meist Folge einer Depression, die bei Männern jedoch nur halb so häufig diagnostiziert wird wie bei Frauen – ein Paradox. Die Vorstellung, dass Depressionen eine typische Frauenkrankheit sind, ist zwar weit verbreitet, aber dadurch nicht richtig. Denn neuere Daten sprechen für eine annähernd gleiche Depressionsprävalenz bei Männern und Frauen, wenn nicht nur die klassischen, eher für Frauen typischen Symptome im Fokus stehen (wie depressive Stimmung, Antriebslosigkeit oder Traurigkeit), sondern ebenso typisch männliches Stressverhalten: stärkere Aggressivität, Reizbarkeit, Alkoholkonsum, suchtähnlicher Aktivismus in Arbeit oder Sport, Sexualität oder Internet, sozialer Rückzug; Symptome, die üblicherweise nicht an eine Depression denken lassen.

Aber wie können Männer erkennen, dass sie vom Dauerstress in eine Depression geraten?

Signale dafür können die Entwicklung eines Burnouts* oder körperliche Beschwerden sein, die von den Betroffenen jedoch lange nicht wahrgenommen werden, und zwar umso weniger, je mehr sie darum bemüht sind, gesellschaftliche Männlichkeitsnormen wie Erfolg und Leistungsbereitschaft, Funktionsfähigkeit und Selbstverantwortung zu erfüllen.

Ein Burnout ist als Ausdruck eines übermäßigen beruflichen Engagements weniger sozial stigmatisiert und erleichtert dadurch schließlich die Akzeptanz und Hilfesuche, auch wenn Männer dies lange hinauszögern. Chronische körperliche Beschwerden, für die keine somatische Ursache gefunden wurde, werden lange ignoriert, bagatellisiert und verdrängt. Es sind häufig Kopf- oder Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder Erschöpfungszustände, die als Reaktion auf belastende Ereignisse oder aber ohne jeden erkennbaren Anlass auftreten können und sich schlimmstenfalls über Wochen und Monate zu einer Depression entwickeln können. Obwohl Männer eine starke innere Anspannung spüren, ist es ihnen oft nicht bewusst, dass es sich hier um ein psychosomatisches Geschehen handelt, dessen Kern eine Depression sein kann, die viele nicht wahrhaben wollen, weil sie nicht mit ihrem Männlichkeitsbild vereinbar ist. Ein fataler Fehler, denn:

Erstens können Depressionen gut und erfolgreich behandelt werden. Und zweitens: je länger eine Depression nicht erkannt und behandelt wird, desto schlechter ist die Prognose, desto schwerer sind die körperlichen, psychischen und sozialen Folgeschäden und desto größer wird das Suizidrisiko. Plakativ formuliert: Frauen suchen Hilfe, Männer bringen sich um.

Eine drängende Frage ist in diesem Zusammenhang, ob die Corona Pandemie zu einer Erhöhung der Depressions- und Suizidrate geführt hat. Die aktuellen Daten weisen tatsächlich auf eine Zunahme von Depressionen hin, jedoch bei Frauen deutlich stärker als bei Männern (möglicherweise durch genderneutrale Depressionsdiagnostik nicht erfasst). Dagegen ist die Suizidrate entgegen vielfach geäußerter Befürchtungen bisher nicht gestiegen. Allerdings könnten nach Ende der Corona-Pandemie Risikofaktoren verstärkt auftreten wie Arbeitslosigkeit, Trennung, Vereinsamung oder verstärkter Suchtmittelkonsum, die bei Männern längerfristig doch zu Depression und Suizid führen könnten.

 

*Ein Burnout ist keine eigene Erkrankung, sondern gilt als eine Vorstufe von Depression.

 

Fazit: Depressionen bei Männern – immer noch ein Tabuthema - sind häufiger als bisher angenommen, aber oft nicht erkannt und behandelt. Die rechtzeitige Inanspruchnahme von professioneller Hilfe und eine männersensitive Depressionsdiagnostik sind wesentlich für eine gezielte Suizidprävention und damit ein wichtiger Beitrag, die Lebenserwartung von Männern zu verbessern.

 

Weiterführende Hinweise:

Fragebogen: Das „Gendersensitive Depressions-Screening GSDS-25“ ist von der Autorin entwickelt und validiert worden. Es ist über die Stiftung Männergesundheit verfügbar und kann bei der Autorin angefordert werden.

Buch: Anne Maria Möller-Leimkühler: Vom Dauerstress zur Depression. Wie Männer mit psychischen Belastungen umgehen und sie besser bewältigen können. Fischer & Gann 2016

 

Möller-LeimkühlerProf. Dr.rer.soc. Anne Maria Möller-Leimkühler
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Ludwig-Maximilians-Universität
Nussbaumstr. 7
80336 München

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