Tageszeitung WELT befasst sich mit dem "Männerhormon"
Immer häufiger werden Testosteronpräparate als Mittel gegen Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder den natürlichen Alterungsprozess beworben. Gleichzeitig gilt das Hormon aber auch als „Antreiber für toxisches Männerverhalten“, wie die Tageszeitung WELT in einem Beitrag von Jörg Zittlau. Ein Mythos, wie das Blatt weiter schreibt.
Testosteron macht nicht automatisch aggressiv
Lange galt Testosteron als das „Aggressionshormon“. Dieses Bild lässt sich wissenschaftlich jedoch kaum aufrechterhalten. Zwar beeinflusst das Hormon unser Verhalten, kontrollierte Studien konnten aber nicht nachweisen, dass ein höherer Testosteronspiegel Männer automatisch aggressiver oder gewalttätiger macht.
Vielmehr scheint Testosteron vorwiegend Motivation, Antrieb und das Belohnungssystem im Gehirn zu beeinflussen. Der Psychologe Prof. Oliver Schultheiss von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beschreibt Testosteron deshalb eher als einen Verstärker von Motivation und Wohlbefinden denn als Auslöser aggressiven Verhaltens. Diese Aussage der Tageszeitung deckt sich mit anderen Ergebnissen. Eine Studie von Mazur und Booth, die bereits 1998 veröffentlicht wurde, sieht das Hormon vor allem als Antrieb, um Dominanz zu erlangen. Ob sich das durch Aggression zeigt, hängt von den Rahmenbedingungen ab, es kann auch zu besonders sozialem Verhalten führen.
"High levels of endogenous testosterone seem to encourage behavior intended to dominate... Sometimes dominant behavior is aggressive, but often dominance is expressed nonaggressively."
A. Mazur und A. Booth in Testosterone and dominance in men
Mehr Antrieb und bessere Stimmung
Testosteron spielt also eine wichtige Rolle für Energie, Muskelkraft, Libido und das allgemeine Wohlbefinden. Nach Angaben der im WELT-Artikel zitierten Experten steht ein ausreichender Testosteronspiegel mit einer besseren Aktivierung des Dopamin-Systems im Gehirn in Verbindung. Dieses beeinflusst Motivation, Lernprozesse und das Erleben von Erfolg. Das bedeutet allerdings nicht, dass möglichst hohe Testosteronwerte automatisch glücklicher machen. Entscheidend ist vielmehr, dass der Hormonspiegel im normalen Bereich liegt.
Hormonpräparate sehen die von WELT befragten Experten dagegen kritisch. Sie bevorzugen, wenn möglich, natürliche Methoden. Einige beschreiben wir in unserem Ratgeber Nummer 19 zum Thema Testosteronmangel.
Übergewicht kann den Testosteronspiegel senken
Gut belegt ist etwa der Zusammenhang zwischen Übergewicht und niedrigen Testosteronwerten. Besonders Bauchfett gilt als hormonell aktives Gewebe. Es produziert Botenstoffe, die den Hormonhaushalt beeinflussen können, und enthält ein Enzym, das Testosteron teilweise in Östrogen umwandelt.
Eine Gewichtsabnahme kann deshalb bei übergewichtigen Männern zu einer Verbesserung des Testosteronspiegels beitragen. Auch eine ausgewogene Ernährung mit wenig stark verarbeiteten, zuckerreichen Lebensmitteln scheint sich günstig auszuwirken. Auch zum Thema Übergewicht haben wir einen Ratgeber verfasst.
Fazit
Testosteron ist weit mehr als ein Sexualhormon. Es beeinflusst unter anderem Muskelkraft, Stoffwechsel, Libido, Motivation und das allgemeine Wohlbefinden. Viele verbreitete Vorstellungen – etwa dass Testosteron Männer automatisch aggressiv macht oder durch Sex „verloren geht“ – gelten heute als wissenschaftlich widerlegt oder zumindest als stark vereinfacht. Wer den Verdacht auf einen Testosteronmangel hat, sollte diesen ärztlich abklären lassen, anstatt zu Nahrungsergänzungsmitteln oder frei erhältlichen Hormonpräparaten zu greifen.





