Interview mit Rob Whitley in Le Figaro
Im toten Winkel
Die psychische Gesundheit von Männern wird in westlichen Gesellschaften nach wie vor unzureichend wahrgenommen. Diese These vertritt der renommierte kanadische Psychiatrieprofessor Rob Whitley von der McGill University in Montreal in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Figaro.1 Männer seien überdurchschnittlich häufig von schweren psychischen Belastungen betroffen, erhielten gleichzeitig jedoch deutlich seltener Unterstützung, kritisiert der Professor. Mit Men’s Issues and Men’s Mental Health hat Whitley dem Thema ein ganzes Buch gewidmet.
Männer begehen häufiger Suizid
Die Statistiken zeigen ein klares Bild: Männer begehen erheblich häufiger Suizid als Frauen, in Europa und Nordamerika entfallen rund 70 bis 80 Prozent aller Suizide auf Männer. Das gilt auch in Deutschland: 2024 waren rund 71 Prozent der 10.372 Toten durch Suizid Männer.2
Auch bei Suchterkrankungen sind Männer deutlich überrepräsentiert, sie stellen rund drei Viertel der Drogenabhängigen. Hinzu kommen soziale Isolation und Vereinsamung, insbesondere bei Männern in ländlichen oder strukturschwachen Regionen. Trotz dieser Zahlen bleibt die psychische Gesundheit von Männern häufig unbeachtet, und viele Betroffene finden kaum Zugang zu passenden Hilfsangeboten.
Viele Männer leiden unter psychischen Problemen und finden kaum Hilfe.
Rob Whitley
Ein zentraler Zusammenhang besteht nach Whitley zwischen psychischer Belastung und der Arbeitssituation. Bestimmte, überwiegend von Männern ausgeübte Berufe weisen besonders hohe Suizidraten auf, darunter Landwirte, Arbeiter, Polizisten und ehemalige Soldaten. Schichtarbeit, lange Arbeitszeiten, hohes Verletzungsrisiko, Gewalt- und Traumaerfahrungen sowie finanzieller Druck wirken sich massiv auf die psychische Gesundheit aus. Arbeitsunfälle treffen Männer häufiger als Frauen. Verletzungen, chronische Schmerzen und der Verlust der Arbeitsfähigkeit führen nicht selten zu einem Teufelskreis aus Schmerzmitteln, Alkoholmissbrauch, sozialem Rückzug und einem Gefühl von Sinnlosigkeit.
Zu wenige Angebote für Männer
Whitley weist zudem auf strukturelle Unterschiede in der sozialen Unterstützung hin. In den meisten Ländern existieren umfangreiche Hilfsangebote für Frauen, etwa durch Wohltätigkeitsorganisationen, psychosoziale Betreuung oder den Zugang zu Sozialwohnungen. In seiner Heimat Kanada gab es unter der Regierung von Justin Trudeau sogar ein eigenes Ministerium für Frauen, das spezielle Hilfsangebote bereitstellte. Auch in Deutschland gibt es lediglich ein Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, erwachsene Männer kommen dort nicht vor.
Hinzu komme ein Unterschied in der Empathie für Männer und Frauen. Frauen in Notsituationen würden mehr Mitleid erfahren als Männer. Umfangreiche Hilfsangebote für Männer, wie sie für Frauen existieren, seien deshalb selten. Männer mit psychischen Problemen gerieten dadurch leicht aus dem Blickfeld der Gesellschaft.
„Es gibt allerdings auch eine wissenschaftliche Erklärung: Es existiert ein Unterschied der Empathie für Männer und Frauen. Wenn ein Mann auf der Straße steht und weint, gehen die meisten Passanten einfach vorbei. Ist es jedoch eine Frau, so wird sie von vielen gefragt, ob es ihr gutgeht. Das ist sowohl auf die Evolutionspsychologie als auch auf soziale Normen zurückzuführen.“
Rob Whitley
Männlichkeitsbild als doppeltes Problem
Kritisch äußert sich Whitley auch zu negativen Stereotypen über Männer und Männlichkeit. Begriffe wie „toxische Maskulinität“ und pauschale Schuldzuweisungen wirkten sich nach seinen Forschungsergebnissen negativ auf die psychische Gesundheit aus. Viele Männer seien grundsätzlich bereit, über Gefühle und psychische Belastungen zu sprechen, jedoch nur in einem Umfeld, das nicht verurteilt oder stigmatisiert. Die Angst vor Rufschädigung im Beruf oder im privaten Umfeld halte viele davon ab, sich Hilfe zu suchen.
Entgegen verbreiteter Annahmen zeigen wissenschaftliche Befunde laut Whitley, dass traditionelle Aspekte von Männlichkeit mit besserer psychischer Gesundheit einhergehen können. Dazu zählen körperliche Aktivität, Arbeit, Verantwortungsübernahme, Engagement in Familie und Gemeinschaft sowie Führungsaufgaben. Männer, die aktiv bleiben – etwa durch Erwerbsarbeit, Sportvereine, ehrenamtliches Engagement oder familiäre Verantwortung – sind psychisch stabiler als Männer, die sich sozial zurückziehen. Die neuen Richtlinien der „American Psychological Association“ von 2018 sähen dagegen pauschal Wettbewerb, Wettkämpfe und das Streben nach Erfolg als negativ an.
Natürlich können „typisch männliche“ Verhaltensweisen schädlich sein, sowohl für die Umwelt als auch für die Männer selbst. Das Gefühl, Verletzlichkeit nicht zeigen zu dürfen, ist vermutlich mitverantwortlich für die deutlich geringere Lebenserwartung von Männern. Doch daraus dürfe keine generelle Ablehnung von Männlichkeit folgen. Außerdem sind intelligente Ansätze oft wirkungsvoller als Schuldzuweisungen.
Problematisch sei es dagegen, wenn Jungen heute mit dem pauschalen Vorwurf aufwüchsen, toxisch oder sogar irgendwie falsch zu sein. Selbst Grillfeiern würden heute teilweise als „männlich“ und deshalb negativ bewertet.
Auch gesellschaftlich problematisch
Auch gesellschaftlich sei die Vernachlässigung der psychischen Gesundheit von Jungen und Männern ein Problem, so Whitley. Zu viele junge Männer verlassen die Schulen ohne Abschluss. Für sie werde es, anders als vor 50 Jahren, kaum noch attraktive Arbeitsplätze geben. Während es in Kanada für Mädchen zahlreiche Ausbildungsprogramme gäbe, sei das bei Jungen nicht der Fall.
Hier immerhin ist Deutschland in einer besseren Lage als Frankreich und Kanada, auf die sich der Psychiatrieprofessor vorwiegend bezieht. Hier gibt es ein umfangreiches Ausbildungsangebot in verschiedensten Berufen.
Fußnoten
1) Der Beitrag bezieht sich auf die deutsche Übersetzung in der Tageszeitung "Die Welt", erschienen am 30. Januar 2026, abgerufen am 2. Februar 2026 unter www.welt.de/kultur/plus6979ce994afa95d9b8ca544c/soehne-brauchen-vaeter-es-ist-das-fehlen-der-maennlichkeit-das-ein-problem-darstellt.html. Das französische Original finden Sie unter www.lefigaro.fr/vox/societe/rob-whitley-la-sante-mentale-des-hommes-est-un-veritable-angle-mort-dans-nos-societes-20260125. Beide Beiträge sind kostenpflichtig.
2) Statistisches Bundesamt, Todesursachenstatistik, abgerufen am 2. Februar 2026 unter www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html






